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Lesedauer ca. 8 Minuten

Zum 500. Jahrestag des Reformationsjubiläums veröffentlichte die FAZ einen Gastbeitrag von Nicola Leibinger-Kammüller. Frau Nicola Leibinger-Kammüller ist Christ, Mutter, Kunstmäzen, sozial und kirchlich engagiert und Unternehmerin. In letzter Funktion begleitet sie den Vorstandsvorsitz der Trumpf AG. Der FAZ-Beitrag von Nicola Leibinger-Kammüller ist überschrieben mit dem Titel „Mein Luther“. Wir haben den Beitrag aufmerksam gelesen und finden: Das sollte nicht völlig unkommentiert bleiben. Hier ist unser Beitrag "Mein Gott".

08.11.2017 von Bernd Buerschaper (ev.)


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Mein Gott

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Es ist unmöglich, die Menschen mit Gott vertraut zu machen, und ihnen gleichzeitig - 95 Thesen lang - Begriffe wie "Fegefeuer, Hölle und Ablaß" um die Ohren zu hauen.

 


Link zu Mein Luther:


 

In Vorbereitung auf einen Beitrag für Planet-Glauben.de habe ich vor einigen Wochen den Erfurter Dom besucht. Im Dom traf ich auf eine größere Besuchergruppe, alles junge Leute im Alter zwischen 16-18 Jahren. Die allermeisten von ihnen hatten einen Migrationshintergrund. Es stellte sich heraus, dass es sich bei den Jugendlichen um eine Schulklasse aus Nordrhein-Westfalen handelte, die eine Art Bildungsausflug nach Thüringen unternommen hatten. Bei dem Rundgang durch den Dom heftete ich mich an ihre Fersen. Die Führung endete im Hochchor des Doms. Der Raum wird auf der linken und rechten Seite von 89 schweren, geschnitzten Eichenstühlen gesäumt. Auf einem von ihnen soll einst Martin LUTHER gesessen haben. Es ist eine der unendlich vielen Mythen um LUTHER. Heute erzählt man diese Geschichte nicht mehr. Aber ich kann mich erinnern, dass man es uns als Jugendliche so berichtet hat, als wir vor Jahrzehnten im Rahmen des (sozialistischen) Lutherjubiläums den Dom in Erfurt besichtigten. Damals wie heute war man bemüht, dem mausetoten LUTHER neues Leben einzuhauchen. Und das kann man am besten, indem man den Menschen Dinge an die Hand gibt, an denen sie sich real orientieren können. Ich erinnere mich, wie ich damals die unverrückbar aneinandergereihten Holzstühle anschaute und mich fragte, auf welchem der große Luther wohl gesessen haben mag.

Nach dem Dom-Rundgang nutze ich die Gelegenheit, um mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. „Ich hoffe, ihr müsst über diesen Museumsrundgang nicht noch einen Aufsatz schreiben“, sage ich schmunzelnd zu ihnen. Ich erzähle etwas vom lebendigen Gott, der nicht in einem Museum wohnt, und der unendlich viel Interesse an jedem Menschen hat.

Die allermeisten Jugendlichen honorieren ein eindeutiges Bekenntnis zu Gott mit nachhaltigem Interesse und unendlich vielen Fragen. Meist gab es in ihrem jungen Leben bisher niemand, der selbstbewusst mit ihnen über Gott gesprochen hat. Normalerweise obliegt diese Aufgabe den Eltern. Aber die Eltern haben es meist ebenso wenig erfahren. Wie können Sie es also an die Kinder weitergeben? Auch der Ethik- und Religionsunterricht kann tiefgreifende Glaubensfragen unmöglich vermitteln. Die Frage steht also im Raum: Wer macht unsere Kinder mit Gott bekannt?

Ich freue mich jedesmal, wenn sich für mich eine Gelegenheit dazu ergibt. Da ich nicht zu jenen gehöre, die jedes Wunder der Bibel anzweifeln und relativieren, kann ich den Jugendlichen auf fast jede ihrer Fragen eine gute und sinnreiche Antwort geben. Das ist auch das Erfolgsrezept, wenn man mit Menschen über Gott spricht. Die Sintflut und die Arche Noah kann es nicht wirklich gegeben haben? Ich erkläre den jungen Leuten, dass sie da falsch liegen und warum vieles für dieses epochale Ereignis spricht. Noah wurde 1000 Jahre alt? Ja, natürlich! Dafür gibt es ganz plausible Gründe. Die Antwort ist so plausibel, dass die jungen Leute zu staunen beginnen und immer neugieriger werden. Selbstverständlich komme auch ich an Grenzen, z.B. wenn ich gefragt werde, wie Jesus mit 2 Fischen und 5 Broten tausende Menschen sättigen konnte. Auf keinen Fall bekommen sie von mir die Standardantwort der EKD (Vereinigung Ev. Kirche Deutschland) aufgetischt, nämlich das jeder ein bisschen Essen dabei hatte, so dass es schließlich für alle gereicht hat. Im Gegenteil, ich sage ihnen, dass sie diese Version auf gar keinen Fall glauben sollten, wofür ich auch Belege aus der Bibel nachschiebe. Seltsamerweise gehe ich jedesmal mit dem Gefühl aus solchen Gesprächen, dass ich hier und da einen unvergänglichen Samen in das eine oder andere Herz gesetzt habe. Ab jetzt braucht es nur noch ein wenig Zeit, damit mehr daraus wird. So hoffe ich!

Inzwischen stehen wir vor dem Dom. Um uns herum hat sich eine kleine Menschentraube gebildet. Auch der Lehrer und einige Eltern stehen dabei. Ich wende mich an den Lehrer und stelle die rhetorische Frage, welchen Eindruck es auf Kinder und junge Leute macht, wenn im Dom ein offener Holzsarg ausgestellt ist, in dem eine lebensgroße Schnitzfigur (wahrscheinlich ist Jesus dargestellt) liegt? Und während ich das frage merke ich, wie der Lehrer mir innerlich zustimmt. Wer über eine Schnitzfigur aus totem Holz staunen soll, der staunt nicht mehr über den lebendigen Gott. Im Gegenteil, es besteht die reale Gefahr, dass sich der eine oder andere irgendwann die Clownsmaske aufsetzt und zu Halloween die Leute auf der Strasse erschreckt. Welche Wirkung solche toten, pseudoreligiösen Devotionalien auf ältere Menschen haben, ist mit einem Wort gesagt: Verheerend! Der jahrzehntelangen Degeneration des Glaubens folgt nun die Resignation des Glaubens.

 

Foto: Planet-Glauben

 

Es ist an der Zeit, um sich zu verabschieden. Am Ende fordere ich die jungen Leute auf: Lasst euch nicht wie Frührentner aus dem verstaubten Bildungsbürgertum behandeln, die, "DIE ZEIT" unterm Arm, pseudokritische Fragen über die Kirche und LUTHER stellen. Beim Weggehen ruft mir eine der Jugendlichen, eine bildhübsche Afrikanerin zu: Gott segne sie! Eine schöne Rückmeldung! Trotzdem ärgere ich mich über mich, weil ich mich immer so schnell in Rage rede, wenn ich merke, dass Menschen verdummt werden.

Szenenwechsel...

LUTHERS Thesenpapier

Ich habe Glück! In meinem Leben werde ich wahrscheinlich nur zweimal mit der geballten Ladung LUTHER-Jubiläum konfrontiert. Wer Pech hat, den erwischt es gleich dreimal, denn LUTHERs Geburt, Thesenanschlag und Tod sind feststehende Termine im Event-Kalender der EKD (Vereinigung Ev. Kirche Deutschland). Diese runden LUTHER-Jubiläen, dreimal in jedem Jahrhundert!, erstrecken sich nicht etwa auf einen Tag des Erinnerns, auch nicht auf eine Woche, auch nicht auf ein Jahr. Ein Lutherjahrzehnt muss her. Das war zu LUTHERs 500. Geburtstag so, und hat sich nun zum 500. Reformationsgedenken genauso wiederholt. Die EKD braucht diese LUTHER-Dekaden als Vorlauf, denn die unzähligen LUTHER-Denkmäler der vergangenen Jahrhunderte müssen rechtzeitig in einen jubiläumswürdigen Zustand versetzt werden. Gleiches gilt übrigens auch für den Ausbau der Infrastruktur zu den immer zahlreicher werdenden Lutherstätten. Der Staat trägt mit einigen hundert Millionen Euro finanzieller Zugabe seinen Teil bei. Zum anderen soll LUTHERs Botschaft tiefgreifend im Volk verankert werden. Warum die EKD letzteres tut, ist eine ganz heikle Angelegenheit, die wir hier nicht besprechen wollen. Jedenfalls muss man der EKD zugestehen, dass sie alle ihre Ziele erreicht. Erstaunlich viele Menschen identifizieren sich mit diesem LUTHER. Zu meinem Erstaunen tun das sogar die Atheisten und Agnostiker. Sie glauben nicht an Gott, aber LUTHER scheint ihnen ein Bekenntnis wert zu sein. Bereits das sollte uns misstrauisch machen.

Freiheit

Bei der EKD kommt LUTHER nie allein daher. Mit seinem Namen, und neuerdings auch mit dem Namen seiner Frau, insistiert die EKD untrennbar den Begriff „Freiheit“. „Luther schenkte uns die Freiheit“. Dieser euphemistische Satz bedeutet der EKD alles. Jeder kleine und große EKD-Funktionär betet den Menschen diesen Satz im wahrsten Sinn des Wortes vor: von den Kanzeln, im „Wort zum Sonntag“, in der Reformationsrede der Bundeskanzlerin, in Leitartikeln der großen Zeitungen, in Verkündigungssendungen des Rundfunks, auf Plakaten so groß wie Häuserwände, im Ethik- und Religionsunterricht, einfach überall. Dieser publizistischen Kraft kann sich niemand entziehen. Ohne Zweifel, hier wird ein Keim ausgelegt in die Herzen der Menschen. Aber wo man LUTHER sät, kann man nicht Gott ernten. Das behaupte nicht nur ich. Das sagt uns auch die Bibel, und zwar ziemlich eindeutig. Wider besseres Wissens schlägt die EKD diesbezüglich alle eindringlichen Ermahnungen von Jesus und des Apostel Paulus' in den Wind. Wer behauptet, „LUTHER schenkte uns die Freiheit“, der versündigt sich an Gottes Wort, weil LUTHER gar nichts schenken kann.

95 Thesen hat LUTHER geschrieben. Sie sind die Grundlage seines geistigen Testaments. Inhaltlich lässt sich das Papier in vier Worten verdichten: Fegefeuer, Hölle, Ablass, Papst. So geht es 95 Thesen lang, mehrfache Wiederholungen und Redundanzen inbegriffen! Wer die Thesen einmal gelesen hat, kommt zu einem ernüchternden Ergebnis. Zum einen werfen sie ein bedrückendes Licht auf die vollkommene geistige und moralische Dekadenz der damaligen (Staats)Kirche. Zum anderen sind einige Thesen einem religiösen (Un)Verständnis angelehnt, das damals wie heute absurd anmutet (z.B. These 3, 4, 9, 14). Dass die EKD in LUTHERs Thesenpapier den Ausgangspunkt für eine Entwicklung hin zur Freiheit erkennt, kommt einer Kapitulation ihres christlichen Glaubensverständnisses nahe. Jedenfalls wenn man "Freiheit" christlich denkt.

Nach LUTHER wurde Europa noch des öfteren von der "Freiheit" erobert; stets ging das mit großen Thesenpapieren einher, die am Ende des Tages nichts mehr wert waren.

Aufklärung

Neben dem Freiheitsbegriff reklamiert die EKD im Zusammenhang mit LUTHER einen weiteren Begriff für sich: „Aufklärung“.

„Freiheit und Aufklärung“, das ist ein Begriffspaar wie: Bruder und Schwester, Baum und Rinde, Luft und Atmen. Aber wieviel „Aufklärung“ hat die Menschheit schon über sich ergehen lassen müssen, mit sich ständig ändernden Inhalten? Die Generation der 1930 geborenen wurde in ihrem kurzem Leben mindestens dreimal! aufgeklärt. Die Erkenntnis des eigenen Irrwegs hat viele überfordert; sie resignieren. Andere zeigen Anpassungsfähigkeit und schwimmen mit dem Zeitgeist mit. Wieviel Verirrungen und Leid hat diese Aufklärungsarbeit über alle Epochen hinweg hervorgerufen? Es scheint fast so, als wäre sowohl geistige als auch körperliche Gewalt ein Wesensmerkmal, die mit „Aufklärung“ einhergehen muss.

Nicht LUTHER aber die EKD möchte man fragen: Können LUTHERs Thesen, die mit Hölle und Fegefeuer einhergehen, als Zeichen der Aufklärung gewertet werden, wenn der Praxistest dieser Aufklärung über Jahrhunderte hinweg ein einziges Versagen darstellt? Die stete Besinnung auf LUTHERs Aufklärung ist ein "weltlich Ding". Und so wundert es überhaupt nicht, dass 200 Jahre später, nur einen Steinwurf von der Wartburg entfernt, im Land der Reformation und des Fortschritts, Menschen als Hexen verbrannt wurden. Spricht es für LUTHERs Aufklärungsleistung, dass "seine" ev.-luth. Kirche im dritten Reich dem anderen großen Aufklärer aus Österreich folge leistete, von wenigen Ausnahmen abgesehen? Die Aufklärung, die man so gern auf LUTHER zurückführt, ist also schon mehrfach in sich implodiert.

Jesu Botschaft der Aufklärung und Freiheit (man beachte die Reihenfolge), kam völlig gewaltfrei daher. Und zwar so gewaltfrei, dass Jesus dem römischen Soldaten an Ort und Stelle das Ohr heilte, das Petrus ihm mit dem Schwert abgetrennt hatte. Jesu Aufklärung, die er im Auftrag Gottes an uns vornehmen möchte, gibt uns zu erkennen, woher wir kommen, wer wir sind, und wohin wir gehen. So sieht wahre Aufklärung aus!

Diese drei existentiellen Fragen der Menschheit: „Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?“ hat der Maler Paul Gauguin in seinem weltberühmten Hauptwerk verarbeitet. In dem vier Meter großen Gemälde hat Gauguin u.a. auch Gott untergebracht. Es ist eine taitianische Gottheit, eine steinerne Statue, die stumm auf die Menschen im Bild herabblickt.

Foto: Museum of Fine Arts Boston

Das Bild hält uns den Spiegel vors Gesicht. Wie viele solcher steinernen, stummen Götter hat sich die „aufgeklärte“ Menschheit schon zugelegt? Im gebildeten Athen zu Jesu Zeiten, dem geistigen und kulturellen Zentrum der damaligen Welt, wimmelte es vor Göttern. Als Paulus Athen besuchte, hat er gar eine Statue "Für den unbekannten Gott" gesehen. Leider können uns diese stummen Gesellen aus Holz, Metall, Stein oder Beton nicht die drei Grundfragen des Menschseins beantworten. Sie bleiben stumm und machen uns dumm! Längst ist LUTHER, in den Fängen der EKD, mindestens zum Halbgott mutiert. Was macht das mit den Menschen, und vor allem mit unserem Verhältnis zu Gott?

Gibt es denn gar nichts wofür wir Luther loben können? Ja, es gibt etwas! Die Übersetzung der Bibel ins Deutsche ist eine große, überfällige Leistung gewesen. Endlich können die Menschen die Bibel in ihrer Sprache lesen. Ein Meilenstein! Tun wir es also! Beschäftigen wir uns mit der Bibel! Tun wir es zusammen mit unseren Kindern, anstatt darauf zu warten, dass charmante, unschuldig daherkommende Vorleser sie mit Pippi Langstrumpf und Harry Potter behelligen. Die Beschäftigung mit diesen beiden Gesellen führt nämlich genau in die falsche Richtung, zum Nichterkennen. Hören wir auf zu zweifeln und die Bibel wissenschaftlich zu sezieren, bis von Gottes Strahlkraft nichts mehr übrigbleibt! Wie oft schon habe ich das in EKD-Gottesdiensten so erlebt? Viel zu oft! Fast immer!

Das nächste Lutherjubiläum

Am 18. Februar 1546 ist Luther gestorben. Von heute an werden also nur 19 Jahre ins Land gehen, dann wird die EKD das nächste LUTHER-Jubiläum ausrufen. In 19 Jahren, wenn alles Ungemach der aktuellen LUTHER-Dekade der Vergessenheit anheimgestellt ist, wenn eine neue Generation junger Leute herangewachsen ist, wird die EKD die nächste LUTHER-Dekade ausrufen. Dann wird die nächste Generation mit LUTHER geimpft. Wie es sich zum Todestag gebührt, wird man aus dem Deutschen historischen Museum Berlin das von Lucas Cranach gemalte Bild „Luther auf dem Sterbebett“ hervorkramen. Darauf ist der von zahlreichen Krankheiten gezeichnete Luther mit rosiger Haut, gleichsam schlafend, dargestellt. Der Lutherkult begann schon am Tag seines Ablebens!

Mein Wunsch

Ich wünsche mir von den evangelisch-lutherischen Kirchgängern eine Rebellion von unten, ganz in ihrem eigenen LUTHERschen Sinn. Aber nein, das würde nichts nützen. Die EKD-Funktionäre würden es ignorieren. Besser ist es, der EKD eine charismatische Führung zu wünschen, mit neuen, klugen und vor allem mutigen Funktionären an der Spitze, die nicht den untauglichen Versuch unternehmen, eine Art Schnittstelle zwischen Gott und der säkularen Welt zu verkörpern. Sie sollten eine Reform des christlichen Glaubens in ihrer Organisation, der EKD, anstoßen, mit Blick auf das ewige Himmelreich und nicht auf das Grab des armen LUTHERs. Schauen wir nicht auf die Toten, sondern auf den, der die Toten zum Leben und zur Erkenntnis (Aufklärung) erweckt. Das wäre ein Tag zum Feiern! Da würde ich gern dabei sein! Da würde ich mitmachen.